Helga Schreckenberger, University of Vermont
Vladimir Vertlibs Zwischenstationen-- ein österreichischer Roman?
Der seit 1981 (wieder) in Österreich lebende russische Emigrant Vladimir Vertlib erhielt 1999 den Österreichischen Förderungspreis für Literatur. Sein im gleichen Jahr erschienener Roman „Zwischenstationen“ erzählt die verschiedenen Etappen der in Wien endenden Heimatsuche einer russisch-jüdischen Familie. Die Situierung des Romangeschehens in die räumliche und kulturelle Vielfalt verschiedener europäischer Länder, das Thema Heimatsuche und Heimatlosigkeit sowie die Vermengung von deutschen, russischen und jüdischen Erzähltraditionen stellen den Roman in einen multikulturellen Kontext und verhindern seine Zuordnung zu einer einzigen Nationalliteratur.
In meinem Referat sollen die ästhetischen und thematischen Impulse untersucht werden, die sich aus dieser kulturellen Vielfalt ergeben: Inwiefern werden kulturelle Differenzen literarisch produktiv? Welche Rolle spielt die gewählte Sprache für Form des Werkes? Bedingt die Wahl der deutschen Sprache eine überwiegende Anpassung an die deutsche bzw. österreichische literarische Tradition? Stehen die einzelnen literarischen Traditionen nebeneinander oder ist eine Synthese geglückt, die als ästhetische Innovation zu werten ist? Wie werden die Begegnungen verschiedener Kulturen thematisiert? Wird der kulturelle Austausch als Bereicherung verstanden oder erweist er sich als identitätsgefährdend? Welche Rolle kommt der österreichischen Kultur in diesem Werk zu? Wird sie in dem multikulturellen Kontext des Romans entfremdet und damit auch für den österreichischen Leser neu erfahrbar? Die Antworten auf diese Fragen sollen über die Möglichkeiten und Limitationen des von der Kritik geforderten „europäischen Romans” Aufschluß geben, dessen Beginn Vladimir Vertlibs Roman möglicherweise markiert.