Brigitte Prutti, University of Washington
Poesie und Trauma der Grenze: Literarische Grenzfiktionen bei Ingeborg Bachmann und Terézia Mora
Die neuere feministische Kritik berücksichtigt neben der analytischen Basiskategorie des Geschlechts als der historisch-sozialen Inszenierung von sexueller Differenz nun auch verstärkt geographische Faktoren der Identitätsbildung und im Gegensatz zu teleologisch ausgerichteten Entwicklungsmodellen orientiert sie sich dabei an einer räumlichen Metaphorik, wonach Identitäten immer als relational, situativ und interaktiv zu verstehen sind. Politisch-kulturelle Grenzen und Grenzräume, in denen komplexe psycho-soziale Differenzierungs-, Abschließungs- und Austauschprozesse stattfinden, sind innerhalb dieser neuen geographisch ausgerichteten Theoriebildung im Rahmen des sogenannten „locational feminism“ aus naheliegenden Gründen von besonderem Interesse (Vgl. die richtungsweisende Studie von Susan Stanford Friedman, Mappings: Feminism and the Cultural Geographies of Encounter, Princeton UP 1998)
Im Sinne dieser theoretischen Vorgaben untersucht mein Vortrag zwei sehr unterschiedliche Grenzfiktionen in der Erzählprosa von Ingeborg Bachmann und Terézia Mora, die in der Kurzformel meines Titels als Poesie und Trauma der Grenze umschrieben sind. Ich werde mich in meinen Ausführungen auf Bachmanns Erzählung “Drei Wege zum See“ konzentrieren, d.i. die letzte von fünf Erzählungen des 1972 erschienenen Simultan-Bandes (die letzte Publikation zu Bachmanns Lebzeiten), und auf Moras 1999 erschienenen ersten Erzählband Seltsame Materie, dessen elf Geschichten allesamt im ungarisch-österreichischen Grenzgebiet in unmittelbarer Nähe des Eisernen Vorhangs angesiedelt sind. Für eine dieser Erzählungen („Der Fall Ophelia“) wurde die 1971 in Ungarn geborene und seit dem Ende des Kalten Krieges in Berlin lebende Schriftstellerin auch mit dem Bachmann-Preis des Jahres 1999 ausgezeichnet.
Ingeborg Bachmann hat sich selbst und ihre literarische Produktion wiederholt im sogenannten „Dreiländereck“ an der Grenze von Österreich, Slowenien und Italien situiert und gegen das postfaschistisch-provinzielle Österreich der Zweiten Republik den literarisch vermittelten übernationalen Traditionszusammenhang des „Hauses Österreich’ beschworen; in ihrem literarischen Oeuvre (Das Buch Franza) verdichtet sich diese marginale Position u.a. auch in der Metapher der galizischen Heimat. „Drei Wege zum See,“ Bachmanns topographisch inspirierte Erzählung von der midlife crisis einer international erfolgreichen Fotojournalistin auf Besuch im heimatlichen Kärnten, enthält ihre dezidierteste Auseinandersetzung mit dieser geographischen Randposition und mit dem sogenannten Habsburger Mythos. Dem Leiden an der Bedeutungslosigkeit des zeitgenössischen Österreich und den modernen Zivilisationsübeln (Sprachverfall, Massentourismus etc.) tritt Bachmann in dieser Erzählung entgegen, indem sie sich und ihre Figuren über den intertextuellen Bezug zur literarischen Moderne in die „andere“ Tradition des imaginären habsburgischen „Geisterreiches“ Joseph Roth’scher Prägung einschreibt. Marginalität bedeutet hier das Stigma des Exiliertseins und die destruktiven Auswirkungen einer unhintergehbaren Entfremdung wie auch das intellektuelle und moralische Privileg der Unzugehörigkeit angesichts des fragwürdigen Provinzialismus einer zerstörten Idylle. Bachmanns Protagonistin unternimmt eine vergebliche Flucht „nach Hause,“ denn ihre Heimkehr nach Kärnten bekräftigt letztlich nur die Unbehaustheit ihrer geisterhaften Existenz. Ihre erfolglosen Wanderungen an den Wörthersee in Parallele zu ihren aporetischen Reflexionen geben zugleich aber auch den Blick frei über die Karawanken und die Staatsgrenze des heutigen Österreich auf das utopische Terrain einer imaginären slawisch-südlichen Heimat, die hier mit dem fiktiven Ursprungsort des Roth’schen Trottageschlechts („Sipolje“) umschrieben ist. Anhand der erzählerischen Inszenierung dieses grenzüberschreitenden Blicks und ihrer Klimax in der flüchtigen Begegnung der Protagonistin mit dem bäuerlichen Erben der legendären Trottas werde ich die problematischen Dimensionen dieser nostalgisch angehauchten Grenzpoesie zur Diskussion stellen und mit der erzählerischen Gestaltung der Grenze als einer durchwegs prekären Randposition in Terézia Moras Erzählband Seltsame Materie konstrastieren. Von einer kakanischen Nostalgie und von Phantasien des goldenen Westens ist in diesen modernen Dorfgeschichten über die ungarisch-österreichische Grenzregion am östlichen Ufer des Neusiedlersees keinerlei Spur: „Alles ist hier Grenze“, wie es in einer der elf Erzählungen heisst, und das für die dörfliche Randlage konstitutive westliche „drüben“ ist dabei auf den unbestimmten Fluchtpunkt eines lebensgefährlichen Ziels ohne utopische Ausstrahlungskraft reduziert. Der Blick auf ein „drüben“ eröffnet sich also nur für die deutschsprachigen Rezipienten dieses Buches, für die Mora in diesen verfremdeten autobiographischen Erzählungen mit ethnographischem Einschlag das Leben unmittelbar „hinter“ der Grenze des Eisernen Vorhangs beschrieben hat. Diese Grenzregion erscheint hier als ein quasi-zeitloser Raum der Stasis, in dem sich die Natur auf Kosten der kulturellen Errungenschaften zu behaupten weiss. In formaler Hinsicht handelt es sich dabei um multiperspektivische Ich-Erzählungen aus der kindlichen Sicht junger Mädchen oder junger Frauen – ihrerseits selbst wiederum Randfiguren in diesem archaischen dörflichen Kosmos – mit Ausnahme zweier Geschichten, für die Mora ein männliches Ich gewählt hat.
Die Utopie der Beheimatung bei Ingeborg Bachmann ist der Sehnsucht nach einer imaginären Vergangenheit (d.h. Nostalgie) geschuldet; der anti-heimatliche Blick Terézia Moras auf das Terrain der eigenen Herkunft resultiert aus der alptraumhaften Erfahrung der Welt als Gefängnis, wie sie sie in einer Kolumne zum EU-Beitritt mittelosteuropäischer Länder skizziert hat: „Ich durfte zur ersten Generation gehören, die ihr Erwachsenenalter in einer neuen Welt begann. Vom Atomkrieg habe ich seither nicht mehr geträumt. Von Grenzschikanen bis heute. [...] Wie lange wird es noch dauern, bis ich mein Gruseln beim Überschreiten dieser dann ‚ehemaligen’ Linien verloren haben werde? Jemals?“