Maria-Regina Kecht, Rice University

Ein mitteleuropäisches Gesellschaftspanorama?—Gedanken zu Doron Rabinovici’s Roman Ohnehin

Der Literaturwissenschafter Paul Michael Lützeler war einer der wenigen RezensentInnen, der im Sommer 2004 den neu erschienenen Roman von Doron Rabinovici, Ohnehin (Suhrkamp), durchwegs lobend beurteilte. Er glaubte, in diesem Werk eine gute Balance zwischen Lokalkolorit und„Welthaltigkeit“ zu erkennen und aufgrund von Rabinovicis Verarbeitung von neuen politischen und kulturellen Entwicklungen in einem gestärkten Europa nach dem Mauerfall auch Beispielhaftigkeit für den „neuen“ Wien-Roman zu entdecken. Der topografische Brennpunkt des Romangeschehens, der Naschmarkt an der Wienzeile, der zu kulturgeschichtlichen Abschweifungen einlädt, ist der Kontext für das Kaleidoskop von Figuren aus unterschiedlichen mitteleuropäischen Ländern und deren Schicksalen. Der Naschmarkt wird bei Rabinovici nicht nur zum Treffpunkt von legalen und illegalen Zuwanderen (und österreichischen Intellektuellen), sondern auch zur Mehrfachspiegelung von der Dynamik zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die den Autor nach wie vor beschäftigt. Der Naschmarkt als Mikrokosmos einer Stadt, „in der,“ in den Worten von Lützeler, „kontinentale Entwicklungen aufeinander treffen, sich reiben und verheddern“ (Die Zeit, 29. Juli 2004)

In meinem Referat möchte ich auf zwei Aspekte dieses Textes näher eingehen—soweit es schon gelingen kann, in zwanzig Minuten viel Nähe, sprich Tiefe, zu erreichen—und zwar, einerseits auf die Bilder, die hier von verschiedenen ethnischen (und auch politischen/ideologischen) Identitäten, vermittelt und in ein europäisches Denkfeld eingebettet werden, und andererseits, auf die Rolle des Erinnerns und die Präsenz des Vergangenen im Aufrechterhalten von diesen Bildern. Historische Hypotheken diverser Provenienz beeinflussen das Verhalten der vielen (nicht immer plastischen) Protagonisten von Rabinovicis Roman und damit natürlich auch die Kommunikationsmöglichkeit untereinander/miteinander. Die Ereignisse von Ohnehin spielen im Jahre 1995—das Wechselspiel zwischen gesamteuropäischem Zusammenrücken, Krieg am Balkan mit ethnischen Säuberungen und zunehmender Xenophobie in Österreich bildet die Atmosphäre für die Porträts von österreichischen, jüdischen, türkischen, griechischen, bosnischen und anderen Gestalten. Von besonderem Interesse scheint mir, auf welche Weise Rabinovici aufzeigt, was für„Gedächtnisstörungen“ —bei einzelnen wie auch bei Kollektiven—ein befriedigendes (multi-ethnisches) Zusammenleben ermöglichen oder auch vereiteln. Eine schmerzhafte oder auch nur problematische Vergangenheit bedarf nicht unbedingt einer „Bewältigung,“ wenn es um notwendige Überlebensstrategien geht.